Liebe Frauen, liebe Feministinnen, liebe Feministen
Dass wir Frauen in der Politik noch keine Gleichstellung haben, wissen wir. Seit dem 10. Dezember 2003 ist die Hälfte der Bevölkerung nur noch mit einer einzigen Frau im Bundesrat vertreten, mit Micheline Calmy-Rey.
Dass wir Frauen in der Wirtschaft noch keine Gleichstellung haben, wissen wir auch. Frauen in Machtpositionen sind eine Seltenheit, sowohl im Kader der Firmen wie auch an Konzernspitzen und in Verwaltungsräten erst recht. Frauen sind aber auch lohnmässig benachteiligt, egal auf welcher Hierarchiestufe sie stehen. Wenn man die Löhne von Frauen und Männern vergleicht, welche die gleiche Arbeit verrichten,
gleich alt sind, gleich ausgebildet und in gleicher Hierarchiestufe, so ist es immer noch so, dass Frauen weniger verdienen als Männer.
Dies ist ein Skandal!
Politik, Wirtschaft ... wie sieht es denn in der Medizin aus? Mit Erschrecken habe ich von der Studie gelesen, dass bei uns Frauen sogar in gewissen medizinischen Fällen schlechter behandelt werden als Männer. Offenbar werden Frauen mit Herzproblemen anders behandelt als Männer. Bei gleicher Diagnose erhalten Frauen seltener einen Bypass als Männer. Die Gleichbehandlung ist also auch in der Medizin noch nicht erreicht.
Politik, Wirtschaft, Medizin - dass die Gleichstellung auch im Privatbereich noch nicht verwirklicht ist, wissen wir zur Genüge. Hier muss sich jede Frau einzeln und im eigenen Interesse um Verbesserungen beispielsweise um Fairplay im Haushalt bemühen.
Wie sieht es denn in der Bildung aus? Auch die Bildungslandschaft ist von Männern dominiert. Professoren, Schuldirektoren, Rektoren... je höher die Bildungsstufe oder die Hierarchiestufe, umso seltener begegnen wir Frauen.
Haben wir wenigstens in der Volksschule Gleichstellung von Mädchen und Knaben? Wir haben ja immerhin seit einigen Jahren die Koedukation in allen Fächern. Aber werden Mädchen in unserer Schule auf gleiche Art und Weise gefördert wie Knaben?
Wenn jetzt gleich die Antwort auf diese Frage liefere, so laufen wir Gefahr, kollektiv depressiv zu werden. Daher zuerst ein Blick zurück, um zu zeigen, wie weit wir immerhin schon gekommen sind:
Eine meiner Grossmütter durfte zusammen mit einem anderen Mädchen in Pfäffikon die Sekundarschule besuchen, was sonst nur den Knaben vorbehalten blieb. Danach wollte sie sogar Lehrerin werden, doch das durfte sie nicht. Beide Grossmütter und beide Grossväter durften nicht so lange in die Schule gehen, wie sie dies gewollt hätten. Und nach der Schule durften alle vier wegen der Armut nicht das lernen, von dem sie träumten.
Wenn ich mir diese Tatsache vor Augen halte, weiss ich, dass wir innert drei Generationen sehr weit gekommen sind. Heute können Mädchen und Knaben, Frauen und Männer die gleichen Schulfächer besuchen, die gleichen Lehrberufe lernen, die gleichen Mittelschulen auswählen.
Aber wir wissen, dass sie sehr unterschiedlich wählen. Und wir wissen sogar, dass Mädchen im Vergleich mit Knaben bessere Noten erzielen, seltener repetieren müssen, seltener in Sonderschulen zugewiesen werden, dass Mädchen eine höhere Maturandenquote erzielen als Knaben. Ziel erreicht?
Nein, noch immer nicht. Es gibt bezüglich Gleichstellung in der Schule noch immer Missstände zu beheben, auch wenn diese nicht mehr so stark auffallen wie noch vor drei Generationen. Wir sind mit geschlechtsspezifischen Leistungsunterschieden in den Fächern Mathematik und Deutsch konfrontiert. Im Kanton Zürich haben Schulfächer ein Geschlecht.
Das ist durch mehrere Untersuchungen belegt. Auch die PISA-Studie hat gezeigt, dass Mädchen am Lesen interessierter sind als Knaben, in der Freizeit häufiger lesen und letztlich auch deutlich bessere Leseleistungen erbringen als Knaben. Bei der Mathematik hingegen ist das Muster genau umgekehrt: Knaben erbringen bessere Mathematikleistungen und weisen ein höheres Interesse an Mathematik auf.
In der Mathe ist aber das Interesse am Fach nicht erfolgsentscheidend. Beim Lesen ist die Freude am Lesen darum erfolgsentscheidend, weil Lesen auch in der Freizeit ausgeübt werden kann. Mathe hingegen findet praktisch nur im Unterricht statt.
Daher ist das Interesse am Schulfach Mathematik nicht erfolgsentscheidend, erfolgsentscheidend ist das so genannte Selbstkonzept. PISA hat gezeigt, dass Knaben und Mädchen sich je nach Schulfach unterschiedliche Fähigkeiten zuschreiben. In der Fachsprache heisst es, sie haben ein fachbezogenes Selbstkonzept. Schweizer Mädchen trauen sich in der Mathematik tendenziell weniger zu als Knaben.
Wie kommt es dazu, dass sich unsere Mädchen in der Mathematik weniger zutrauen als Knaben? Warum gilt bei uns die Mathematik als männliches Fach? Warum haben in der Schweiz die Schulfächer noch immer ein Geschlecht? Warum findet dazu keine breite Diskussion statt?
Immerhin ist die Schweiz eines der wenigen Länder mit signifikanten Unterschieden in den Mathematikleistungen von Mädchen und Knaben. Dass die Mathematik als männlich erlebt wird, ist also ein Problem, das die meisten Vergleichsländer bereits überwunden haben. Dieses Problem ist nicht neu, seit über 20 Jahren wird in verschiedenen Studien darauf hingewiesen. Man nennt dieses Phänomen „den heimlichen Lehrplan der Geschlechtererziehung“.
Der heimliche Lehrplan behindert übrigens vermutlich auch die Knaben in den Sprachfächern, doch dies ist weniger detailliert erforscht. Das geringere Selbstvertrauen in der Mathematik wirkt sich bei den Schweizer Mädchen negativ auf ihre Leistungen in Mathe aus. Womöglich tragen sogar die Lehrerinnen und Lehrer mit geschlechtsspezifischen Erwartungen zu diesen unterschiedlichen Leistungen von Mädchen und Knaben bei.
Klar ist jedenfalls, dass die Mädchen beim Entwickeln ihrer Matheleistungen behindert werden, sei es durch tiefere Erwartungen an sie, durch die Sozialisierung oder durch die Stereotypisierung von männlichen und weiblichen Domänen.
All dies wiederum wirkt sich auch auf die meisten naturwissenschaftlichen Fächer, auf die Berufswahl, auf die Studienwahl und aufs Berufsleben aus. So ist es heute Tatsache, dass Frauen in Naturwissenschaften und Technik noch immer in der Minderheit sind.
Es wartet also auch in der Schule noch viel Gleichstellungsarbeit für all diejenigen Frauen und Männer, welche ernsthaft eine geschlechtsunabhängige Förderung von Kindern und Jugendlichen verfolgen. Die Bildungsdirektion und die Pädagogische Hochschule haben bereits mehrere Massnahmen geplant, um die Gleichstellung in der Schule zu forcieren. Die Massnahmen betreffen die Lehrerausbildung, die Schulaufsicht, die Lehrmittel, die TaV-Schulen und weitere Schulprojekte.
Dass die Bildungsdirektion und die Pädagogische Hochschule sich der gleichwertigen Förderung von Mädchen und Knaben in der Volksschule annehmen, freut mich sehr.
Und wir werden auf lokaler Ebene unser Bestes geben, damit die Massnahmen auch hier in Winterthur greifen. Unsere Mädchen haben die gleiche Förderung verdient wie die Knaben, und umgekehrt auch.
Zum Schluss kann ich noch einen besonders erfreulichen Hinweis machen:
Es ist einer Gruppe von Frauenorganisationen und Vertreterinnen von Fachhochschulen und ETH gelungen, den internationalen Kongress „FiNuT, Frauen in Naturwissenschaften und Technik“ zum ersten Mal in die Schweiz zu holen.
Eingeladen sind Naturwissenschafterinnen, Ingenieurinnen, Forscherinnen, Studentinnen, Technikerinnen und Handwerkerinnen. Der Kongress steht unter dem Motto „no limits?!“ und soll jungen Frauen aufzeigen, wie vielfältig und interessant Laufbahnen in Naturwissenschaft und Technik sind.
Und jetzt kommt das Beste: Wo findet dieser internationale Kongress der 300 Frauen statt? In Winterthur! „No limits
in Winterthur!“ ist das nicht wunderschön, fast hätte ich gesagt herrlich!
Pearl Pedergnana
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