"Minus Eins in der Medienvielfalt" - Fraktionserklärung der SP Winterthur

SP Winterthur, SP-Gemeinderat Fredy Künzler

Geschätzte Frau Präsidentin, geschätzte Stadträtinnen und Stadträte, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Medienschaffende, verehrtes Publikum.

In den letzten Tagen mussten wir Winterthurerinnen und Winterthurer erneut ein «Minus eins» der Medienvielfalt in unserer Stadt zur Kenntnis nehmen. Selbstverständlich darf man diese Ankündigung der Einstellung des traditionsreichen Winterthurer Stadtanzeigers nicht nur lokal betrachten, sondern muss sie in einen nationalen und globalen Kontext stellen. Der nationale Kontext betrifft die Übernahme der Basler Zeitung durch die Tamedia-Gruppe von der Zeitungshaus AG.

Am 11. Oktober 2018 hat die Wettbewerbskommission diesen Deal zweier alter Männer vorbehaltlos genehmigt. Sie kennen diese alten Männer gut: der eine ist Verwaltungsratspräsident der Tamedia Dr. Pietro Supino, der andere ist alt Bundesrat Dr. Christoph Blocher. Ersterer ist übrigens nur drei Jahre älter als ich.

Um die BaZ-Übernahme für die Zeitungshaus AG zu versüssen, machten die beiden alten Männer einen Hinterzimmerdeal ab: Sobald die WEKO zur Übernahme der BaZ grünes Licht gibt, bekommt die Zeitungshaus AG zusätzlich den Stadi. Der ist nämlich unwichtig genug, es interessiert sowieso niemanden ausserhalb der Stadt im Nordosten des Kantons Zürich, doch für die Zeitungshaus AG wird es rentabler, weil ein Konkurrent weniger. Bezeichnenderweise findet sich auf der Tamedia-Website nicht mal die Medienmitteilung dazu.

Machen wir uns nichts vor: Winterthur ist ein Nebenschauplatz, der Stadi und seine kleine Redaktion ein Bauernopfer. Irgendwo im Tamedia-Konzern findet sich für die paar überflüssigen Journis schon noch ein Jöbli, bis genug Gras über die Sache gewachsen ist und man auch diese Stellen ersatzlos abbauen kann. Und was sind schon 4 oder 5 Journi-Stellen, wenn in den USA reihenweise lokale Zeitungen eingestellt werden? Soviel zum globalen Kontext.

Tamedia betreibt bekanntlich nur noch eine Zentralredaktion – den sogenannten Newsroom - für nationale und internationale Themen. Das Argus-Medienmonitoring meiner Firma meldete mir vor ein paar Tagen den selben Artikel in nicht weniger als 12 Tamedia-Zeitungen. Dem sagt man Effizienzsteigerung, und das ist bei der obersten Maxime von Tamedia, dem Shareholder Value, auch nicht weiter verwunderlich.

Ich möchte hier nicht weiter über die sinkenden Erträge im Mediengeschäft und den Verlust der Meinungsvielfalt lamentieren, wenn Medienhäuser Blätter und Redaktionen schliessen. Das wurde alles schon anderswo gesagt und ist korrekt. Erlauben Sie aber eine Bemerkung respektive Kritik an Tamedia – die das meiste Geld sowieso längst ausserhalb des traditionellen Zeitungsgeschäfts verdient.

Fakt ist: die sinkenden Werbe-Erträge der Verlage sind grösstenteils ins Internet abgewandert. Dieses Phänomen nennt sich Disruption. Doch Disruption ist ja nicht prinzipiell etwas Schlechtes, denn ein traditionelles Business-Modell wird durch ein effizienteres und besseres Modell ersetzt. Die Leserschaft informiert sich auch längst nicht mehr mittels nur einer gedruckten Zeitung, sondern springt Klick für Klick von einer zur nächsten Informationsquelle. Dies nennt sich News-Unbundling. Fakt ist auch, dass viele Menschen für gut gemachten Journalismus bezahlen würden. Doch wollen die Leute nicht für jedes Online-Portal ein separates Abo abschliessen, sondern ein Abo, das alle Paywalls und damit auch News-Unbundling abdeckt. Ein solches Abo darf auch gerne 30 oder mehr Franken pro Monat kosten.

Ich hatte ein solches Business-Modell, also quasi ein „Spotify-für-News“ Startup-Konzept vor etwa einem Jahr entwickelt und habe bei Tamedia zweimal bis auf Geschäftsleitungsebene vorgesprochen, denn an Tamedia kommt man im Schweizer Markt nicht mehr vorbei. Doch das Interesse von Tamedia war – sagen wir es mal so: bescheiden.

Damit sind wir wieder bei den alten Männern: statt Disruption als Chance zu sehen, verschanzt man sich in der Vergangenheit und sieht die Publizistik nur noch als notwendiges Übel. Kein Wunder, dass jede sich bietende Gelegenheit genutzt wird, um noch schnell eine weitere Redaktion zu streichen oder zwei Zeitungen zu fusionieren.

Wenn man von Medienschaffenden Sätze hört wie «in fünf Jahren gibt es den Landboten sowieso nicht mehr» oder man beobachten muss, wie eine renommierte Journalistin mit hervorragendem Leistungsausweis in diesen Tagen dem Metier den Rücken kehrt, dann ist das – meine Damen und Herren – für Meinungsvielfalt und Demokratie dramatisch. Wenn sich nur noch jene mit dickem Portemonnaie Publizistik leisten können, dann wird die Vielfalt ganz schnell zur Einfalt.

Doch wie ich schon sagte: Disruption ist auch eine Chance. Es ist die Chance für die Gesellschaft von Winterthur, über Alternativen nachzusinnen. Dank dem Internet braucht man keine Druckerei mehr, um Journalismus zu betreiben. Und wer weiss, vielleicht ist das Ableben des traditionsreichen Stadtanzeigers der Moment für einen Neuanfang. Die Medienpolitik der Stadt wird ja demnächst auch in der Aufsichtskommission diskutiert, wenn die Amtlichen Anzeigen der Stadt zur Sprache kommen. In diesem Sinne wünsche ich eine engagierte und vor allem zukunftsfähige Debatte.

Fraktionserklärung der SP Winterthur in der Gemeinderatssitzung vom 5. November 2018, gehalten von SP-Gemeinderat Fredy Künzler